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binn‘ historisch: Alte Gebäude, neue Nutzung

Für Ute und Marco war Bad Segeberg in Schleswig-Holstein bislang immer nur eins: die Heimat von Cowboys und Indianern. Jetzt entdecken die beiden, dass es in der sehenswerten norddeutschen Kleinstadt weitaus mehr als nur den Kalkberg mit den Karl-May-Spielen zu sehen gibt. Stadthistoriker Hans-Werner Baurycza beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte seiner Heimatstadt und durchlebt mit den beiden im Segeberger Bürgerhaus einen Streifzug durch die Geschichte der Stadt anhand von Gebäude-Modellen, welche sie beim anschließenden Stadtspaziergang in Originalgröße erwarten.

An der Klöntür

Das älteste noch erhaltene Haus von Bad Segeberg, das knapp 500 Jahre alte Bürgerhaus, ist heute das historische Stadtmuseum. Hans-Werner Baurycza begrüßt Ute und Marco am Bad Segeberger Bürgerhaus an der Klöntür.Klöntüren, die sich wie ein Fenster zur Straße hin öffnen ließen, gehörten zum typischen mittelalterlichen Haus dazu. So liefen Kinder und Haustiere nicht raus, die Luft konnte zirkulieren und man hielt bequem einen zwanglosen „Klönschnack“ mit dem Nachbarn aus dem geöffneten, oberen Teil der Tür hinaus. 

Das frühere Bad Segeberg im Modell

Hans-Werner Baurycza erklärt seinen Gästen, wie es rund um den Kalkberg vor 400 Jahren aussah, als er noch 120 Meter hoch war. Mit dem Gipsabbau schrumpfte er später auf 91 Meter. Vor 500 Jahren stand darauf die gewaltige Siegesburg, die Bad Segeberg ihren Namen gab. Doch von „Stadt“ konnte damals noch keine Rede sein. Unterhalb der Burg lebten die Menschen in kleinen Hütten.

Früher und Heute im Vergleich

Ute und Marco erfahren, welche Gebäude Segebergs heute noch erhalten sind – und welche sich verändert haben.

Ein Schlafzimmer aus früheren Zeiten

Bevor sich die beiden in der Stadt auf Spurensuche begeben, schaut sich das Paar noch schnell ein original möbliertes bäuerliches Schlafzimmer aus dem 19. Jahrhundert an. Und dann geht’s los zum Stadtrundgang. Ein paar alte Fotos und Zeichnungen haben die beiden zum Vergleich dabei – die Bilder stammen aus dem Kalkbergarchiv, das der Stadthistoriker angelegt hat.

Heinrich-Wickel-Haus

Mit den historischen Bildern in der Hand stellen Ute und Marco fest: Das 1820 gebaute Haus von Kaufmann Wickel in der Oldesloer Straße 20 sieht von außen noch genauso aus wie damals. Die Familie betrieb hier eine Weinhandlung und einen Möbelhandel. Das klassizistische Gebäude wurde vor wenigen Jahren zum barrierefreien „WortOrt“, einem modernen Stadtinfo-Haus mit Bücherei, Tourist-Information, Kindergarten, Büroräumen der Stadtverwaltung und Stadtarchiv umgebaut. Der wohlhabende Kaufmann Heinrich Wickel war der Erste, der das Potential Segebergs als Kurort erkannte. Er kam auf die Idee, die durch die Bohrung nach Steinsalz entstandene Sole für Heilbäder gewinnbringend zu nutzen. Zunächst lud er in seine private Villa zu „Solebädern“ ein. In den 1880er Jahren ließ er ein prachtvolles Kurhaus am Steilufer des Sees errichten. Zu den prominenten Besuchern zählte zum Beispiel die Wandsbekerin Martha Bernays, Braut des später weltberühmten Begründers der Psychoanalyse, Sigmund Freud.

Rehder-Haus

Inzwischen ist das Paar aus Mölln am Marktplatz angekommen. Hier fällt das über 100 Jahre alte Rehder-Haus mit seiner schön gestalteten Fassade besonders auf.  Der Vorläufer des Rehder-Hauses, Wickels Hotel, brannte 1899 ab. An seiner Stelle baute man das „Central Hotel“ für die Touristen, die zur Kur oder zu Besuch nach Bad Segeberg kamen. Das Gebäude mit dem großen Saal diente als zentraler Veranstaltungsort und später auch als Kino, Seifengeschäft und Grill-Imbiss.

Die heutige Volksbank

Von außen nahezu unverändert ist das halbrunde Backsteingebäude der Volksbank. Seit den 1820er Jahren residierte an dem heutigen Platz das Hotel zur Börse, das 1915 einem halbrunden Neubau weichen musste, der bis heute so aussieht wie vor über einhundert Jahren. Der Vorschuss-Verein, die heutige Volksbank, war insbesondere für die ländliche Bevölkerung des Segeberger Umlandes eine wichtige Anlaufstelle und hat auch die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt entscheidend mitgeprägt.

Früher Kurhaus – heute Vitalia Seehotel

Ute und Marco schlendern jetzt auf der Kurpromenade entlang und halten Ausschau nach dem alten Kurhaus. Aber von dem schlossartigen Gebäude, das seit 1885 weiß leuchtend mit großer Seeterrasse und kleinen Türmchen am Ufer stand, ist nichts mehr übriggeblieben. Bereits 1968 wurde das Kurhaus abgerissen. An seiner Stelle steht das im nüchtern-zweckmäßigen Stil der 70er Jahre gebaute Vitalia Seehotel. Nur der Seeblick, der noch genauso beeindruckend ist wie vor 200 Jahren, hat sich nicht verändert.

Wollspinnerei Blunck

Zum Abschluss ihres Spaziergangs besuchen Ute und Marco die Wollspinnerei Blunck. Während der Industrialisierung siedelten sich zahlreiche Handwerker in Bad Segeberg an.  Zwar war der Ort im 19. Jahrhundert vor allem als Schuhmacherstadt bekannt, aber auch andere Betriebe hatten ihren Sitz in der schleswig-holsteinischen Stadt. In der Kuhausstraße, unweit des Sees, verarbeitete seit 1852 die Wollspinnerei Blunck Schafwolle. Diese lieferten ihr die Bauern aus der Umgebung. Auch wenn die Spinnerei heute nicht mehr in Betrieb ist, sind die Maschinen teilweise nach über 80 Jahren noch funktionsfähig. Diese in Norddeutschland einmalige Produktionsstätte soll in Zukunft ein „arbeitendes Museum“ und ein Ort der Industriekultur werden. Für Ute und Marco ein weiteres Highlight ihres Rundgangs.

„Wir sind begeistert von Bad Segeberg und den Entdeckungen, die wir hier gemacht haben. Das Zusammenspiel von alt und neu ist sehr gut gelungen. Und dass wir zum Schluss noch einen Blick in eine alte Spinnerei werfen konnten, das ist besonders faszinierend.“

Text: Ulrike Pech